Industrial AI: Warum KI industriellen Kontext braucht

Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Trend. Sie verändert, wie Unternehmen Wissen nutzen, Entscheidungen treffen und Produkte entwickeln. Doch gerade in der industriellen Produktentwicklung begegnen viele Ingenieure und Entscheider der Technologie mit einer gesunden Skepsis.

Der Grund: Generative KI kann überzeugend klingende, aber falsche Antworten erzeugen. Diese sogenannten Halluzinationen sind im Alltag ärgerlich – in der industriellen Entwicklung können sie jedoch weitreichende Konsequenzen haben. Eine falsche technische Annahme kann Entwicklungszyklen verlängern, Kosten verursachen und im schlimmsten Fall die Sicherheit eines Produkts beeinträchtigen – mit möglichen Folgen für Menschenleben oder Kosten in Millionenhöhe.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur Wie leistungsfähig ist die KI?” sondern “Auf welchem Wissen, welchen Daten und welchen Prozessen basiert deren Antwort?

Denn industrielle KI funktioniert anders als ein allgemeiner Chatbot. Sie braucht einen Kontext, in dem Informationen miteinander verknüpft, Entscheidungen nachvollziehbar und Prozesse klar definiert sind.

KI braucht industriellen Kontext

Ein Large Language Model kann Sprache verstehen und Muster in großen Datenmengen erkennen. Für die industrielle Produktentwicklung reicht das allein jedoch nicht aus. Ein 3D-Modell ist weit mehr als Geometrie. Dahinter stehen Anforderungen, Materialien, Fertigungsprozesse, Simulationsergebnisse, Änderungen, Kosten, Qualitätsdaten und Erfahrungswissen. Erst wenn diese Informationen miteinander verbunden werden, entsteht ein umfassendes Bild des Produkts und seines Lebenszyklus.

Industrial AI braucht deshalb nicht nur Daten. Sie braucht Kontext.

Und dieser Kontext entsteht aus dem Zusammenspiel von Daten, Wissen, Prozessen, Simulation und realen Erfahrungen.

Vier Bausteine für verlässliche Industrial AI

  1. Daten: Das Gedächtnis

    Daten bilden die Grundlage jeder KI-Anwendung. Ihr Wert steigt jedoch nur, wenn sie strukturiert, aktuell und miteinander verknüpft sind.

    Ein 3D-Modell ohne Anforderungen, Historie oder Kontext beschreibt zwar, wie ein Produkt aussieht – nicht aber, warum es so konstruiert wurde, welche Änderungen vorgenommen wurden oder welche Auswirkungen diese auf andere Bereiche haben.

    Genau hier spielt eine Single Source of Truth ihre Stärke aus. Sie schafft eine verlässliche gemeinsame Datenbasis, auf die unterschiedliche Beteiligte und Systeme zugreifen können. Produktdaten, Dokumente, Anforderungen, Änderungen und weitere Informationen werden nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrem Zusammenhang verfügbar.

    Für KI ist das entscheidend: Nur wenn Informationen vollständig, aktuell und eindeutig zugeordnet sind, kann sie sinnvolle Zusammenhänge erkennen.
    Wissen steckt in Daten – aber erst der richtige Kontext macht dieses Wissen nutzbar.

  2. Wissen und Know-how: Die Bedeutung hinter den Daten

    Unternehmenswissen ist eine der wertvollsten Ressourcen eines Industrieunternehmens. Gleichzeitig steckt es häufig in abgeschlossenen Projekten, Dokumentationen, technischen Daten oder in den Köpfen erfahrener Mitarbeiter.

    Warum wurde eine bestimmte Lösung gewählt? Welche Erfahrungen wurden bei früheren Projekten gemacht? Welche Konstruktionsregeln oder Fertigungsrestriktionen müssen berücksichtigt werden?

    Für Industrial AI wird genau dieses Wissen zum entscheidenden Faktor. Je besser Produktdaten, Anforderungen, Entscheidungen und Erfahrungen miteinander verknüpft sind, desto mehr kann aus einzelnen Informationen ein nutzbarer Wissensbestand werden.

    Damit wird Datenmanagement zu mehr als einer administrativen Aufgabe: Es schafft die Grundlage dafür, vorhandenes Know-how langfristig verfügbar und nutzbar zu machen.

  3. Prozesse: Die Leitplanken

    Daten allein beantworten noch nicht die Frage, was mit ihnen geschehen soll.

    In der Produktentwicklung gibt es definierte Abläufe: Anforderungen werden erstellt, Konstruktionen geändert, Ergebnisse geprüft und Entscheidungen freigegeben. Verantwortlichkeiten müssen klar sein und Informationen zum richtigen Zeitpunkt bei den richtigen Personen ankommen.

    Genau hier kommt Business Process Management (BPM) ins Spiel. BPM beschreibt die systematische Gestaltung, Digitalisierung und Weiterentwicklung von Geschäfts- und Entwicklungsprozessen. Ziel ist es, Abläufe transparent, nachvollziehbar und effizient zu gestalten.

    Wenn eine KI beispielsweise eine mögliche technische Änderung erkennt, reicht es nicht, diese einfach vorzuschlagen. Sie muss in den bestehenden Entwicklungsprozess eingeordnet werden können: Welche Anforderungen sind betroffen? Welche Abhängigkeiten gibt es? Wer muss die Änderung prüfen? Welche Freigaben sind notwendig?

    Nicht der Prozess allein verhindert Halluzinationen. Er schafft jedoch Leitplanken, die den Einsatz von KI kontrollierbarer und nachvollziehbarer machen.

    Das gilt besonders dann, wenn Daten und Prozesse miteinander verbunden sind. Die KI kann dann nicht nur Informationen finden, sondern sie im Kontext des jeweiligen Arbeitsablaufs interpretieren und die nächsten sinnvollen Schritte unterstützen.

  4. Der Mensch: Die Entscheidung als Anker

    Industrielle KI soll den Menschen nicht aus dem Prozess entfernen, sondern ihn befähigen.

    Die KI kann Daten zusammenführen, Muster erkennen, Zusammenhänge aufzeigen und Vorschläge für die nächsten Schritte machen. Die fachliche Bewertung und Entscheidung bleibt dort, wo Erfahrung, Verantwortung und Freigabe erforderlich sind: beim Menschen.

    Dafür muss nachvollziehbar sein, worauf eine Empfehlung basiert. Je besser Daten, Wissen und Prozesse miteinander verbunden sind, desto leichter kann ein Experte eine KI-Empfehlung einordnen und überprüfen.

    So entsteht Vertrauen nicht dadurch, dass die KI immer recht hat. Vertrauen entsteht dadurch, dass ihre Ergebnisse im richtigen Kontext nachvollziehbar und überprüfbar sind.

Von strukturierten Daten zu industrieller Intelligenz

Die Grundlage für Industrial AI entsteht deshalb nicht mit der Einführung eines KI-Tools.

Wenn Produktinformationen strukturiert erfasst werden, Änderungen nachvollziehbar bleiben, Anforderungen mit Produkten verbunden sind und Entwicklungsprozesse digital abgebildet werden, entsteht weit mehr als eine Sammlung von Dateien.

Es entsteht ein digital verfügbares Abbild des Produktwissens eines Unternehmens.

Hier kommt Product Lifecycle Management (PLM) ins Spiel. PLM verbindet Produktdaten, Prozesse und Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts – von der ersten Idee über Entwicklung und Fertigung bis hin zu Änderungen und Weiterentwicklung.

Damit kann PLM eine zentrale Grundlage für die digitale Wissensbasis eines Unternehmens schaffen. Informationen bleiben nicht auf einzelne Abteilungen, Dateien oder Projektphasen beschränkt, sondern können über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg miteinander verbunden werden.

Damit diese Informationen ihr Potenzial entfalten können, müssen sie auch digital zusammengeführt werden. Eine gemeinsame Umgebung wie die 3DEXPERIENCE Plattform verbindet Daten, Anwendungen, Prozesse und Menschen miteinander und schafft so einen gemeinsamen Kontext für die Zusammenarbeit.

Je vollständiger und kontextreicher diese Datenbasis ist, desto besser kann KI darauf aufbauen.

Wenn Daten, Wissen und die reale Welt zusammenkommen

Diese Entwicklung führt zu einer grundsätzlicheren Frage: Wie lassen sich Daten, Wissen und Modelle so miteinander verbinden, dass daraus ein umfassenderes Verständnis der industriellen Realität entsteht?

Mit GEN7 und den 3D UNIV+RSES beschreibt Dassault Systèmes eine nächste Entwicklungsstufe, bei der virtuelle und reale Welten, Produktdaten, Wissen, Modellierung, Simulation und künstliche Intelligenz zunehmend miteinander verbunden werden.

Der Virtual Twin wird dabei Teil einer vernetzten digitalen Umgebung, in der Informationen aus unterschiedlichen Phasen des Produktlebenszyklus zusammenkommen und für neue Anwendungen nutzbar werden.

Damit verschiebt sich auch die Rolle von Daten: Sie beschreiben nicht mehr nur, was ein Produkt ist. In Verbindung mit Anforderungen, Prozessen, Simulationen und realen Erfahrungen können sie helfen zu verstehen, warum ein Produkt so entwickelt wurde, wie es sich verhält und welche Auswirkungen eine Änderung haben könnte.

GEN7 steht damit für einen nächsten Entwicklungsschritt: von miteinander verbundenen Daten hin zu einer Umgebung, in der Wissen, virtuelle Modelle und reale Erfahrungen gemeinsam nutzbar werden.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für Unternehmen entsteht daraus eine wichtige Erkenntnis:
Die entscheidende Voraussetzung für Industrial AI ist nicht zwangsläufig das leistungsfähigste KI-Modell.
Entscheidend ist die Qualität des Fundaments, auf dem die KI arbeitet.

Unternehmen sollten sich deshalb fragen:

  • Sind Produktdaten, Anforderungen und Änderungen miteinander verbunden?
  • Gibt es eine verlässliche Single Source of Truth?
  • Ist Wissen aus vergangenen Projekten langfristig zugänglich?
  • Sind Verantwortlichkeiten und Freigaben klar definiert?
  • Sind Entwicklungsprozesse digital abgebildet?
  • Können Simulationsergebnisse und reale Daten in den Produktkontext einfließen?
  • Ist nachvollziehbar, auf welcher Grundlage eine KI zu einer Empfehlung kommt?

Wer diese Grundlagen heute schafft, bereitet nicht nur seine bestehenden Prozesse auf die Zukunft vor. Er schafft gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass Sie mit künstlicher Intelligenz künftig auf Ihr Unternehmenswissen zugreifen und es wirklich nutzbar machen können.

Die Zukunft der Industrial AI beginnt deshalb nicht mit der Frage, welche KI wir einsetzen.

Sie beginnt mit der Frage, welches Wissen wir ihr zur Verfügung stellen können.

Dassault Systèmes bietet mit SOLIDWORKS und den cloudbasierten 3DEXPERIENCE Works Lösungen komplette 3D-Softwarewerkzeuge zum Erstellen, Simulieren, Publizieren und Verwalten Ihrer Daten im Produktentwicklungsprozess und bietet zudem die notwendigen Tools zur Fertigung und Prüfung. Die Softwarelösungen sind leicht erlernbar und anwendbar und lassen sich zusammen einsetzen, damit Sie Ihre Produkte besser, schneller und kostengünstiger entwickeln können. Ein Fokus liegt nach wie vor auf der Benutzerfreundlichkeit, was immer mehr Ingenieuren, Konstrukteuren und anderen Technikern die Möglichkeit gibt, die Vorteile von 3D zur praktischen Umsetzung ihrer Konstruktionen zu nutzen.