Engineering-KI mit Kontext Teil 1: LEO in SOLIDWORKS – Gruandlagen, Daten und Wissen
Konstruktionsteams stehen unter Druck. Mehr Produktvarianten, kürzere Entwicklungszyklen und wachsende Dokumentationsanforderungen treffen auf Teams, die ohnehin am Limit arbeiten. KI verspricht Entlastung – doch im Engineering entscheidet nicht, wie beeindruckend ein System klingt, sondern ob es im Konstruktionsalltag wirklich weiterhilft.
Genau hier setzt kontextbezogene KI in SOLIDWORKS an. Sie generiert nicht einfach Inhalte, sondern berücksichtigt den Engineering-Kontext, in dem Sie arbeiten. Virtual Companions, die KI-Begleiter in SOLIDWORKS, bringen diese Idee direkt in Ihren Workflow: AURA hilft beim Finden, Verstehen und Einordnen von Wissen, LEO unterstützt aktiv in Design-, Validierungs- und Konstruktionsabläufen und MARIE verfügt über wissenschaftliche Forschungskompetenz in den Bereichen Materialwissenschaft, Hypothesenentwicklung, Mikrobiologie, Chemie und Laboranalyse. Dieser Beitrag zeigt, was Kontext im CAD konkret bedeutet, wo vor allem LEO als dedizierter Engineering-Companion Zeit spart und was Ihren Alltag in SOLIDWORKS wirklich produktiver macht.

Warum die KI-Debatte im Engineering am Kern vorbeigeht
Die Diskussion über KI in der Konstruktion dreht sich derzeit fast ausschließlich um zwei Dinge: den perfekten Prompt und die beeindruckende Demo. Beides ist verständlich. Ein cleverer Prompt liefert schnelle Ergebnisse, und eine gute Demo begeistert im Meeting. Doch wer KI im Engineering ernsthaft bewertet, merkt schnell: Diese Perspektive greift zu kurz.
Ein Modell, das plausibel formuliert, ist nicht dasselbe wie ein System, das im Konstruktionsalltag verlässlich unterstützt. Die eigentliche Frage lautet nicht, wie gut eine KI auf eine Eingabe reagiert. Sie lautet: Versteht die KI überhaupt, woran Sie gerade arbeiten? Genau an diesem Punkt trennt sich generische KI von echter Engineering-KI.
Der Prompt allein trägt in der Produktentwicklung nicht
Im Engineering reicht ein guter Prompt allein nicht aus. Damit KI Konstrukteure sinnvoll unterstützt, muss sie den tatsächlichen Arbeitskontext einbeziehen – vom aktiven Modell über Baugruppenstrukturen bis zu Zeichnungen, Metadaten und vorhandenem Konstruktionswissen. Erst diese Verbindung macht aus KI eine produktive Unterstützung im Konstruktionsalltag.
Ein Chat-Fenster kennt nur den Text, den Sie eingeben. Eine Konstruktion besteht aber aus weit mehr als Text: aus Geometrie, Abhängigkeiten, Toleranzen, Normen und einer Historie von Entscheidungen, die sich nicht in einem Satz zusammenfassen lassen. Eine Antwort, die diesen Kontext ignoriert, mag richtig klingen – im schlimmsten Fall ist sie falsch, teuer oder erst spät als Problem erkennbar.

Die Qualität von Engineering-KI ist deshalb keine Frage der Sprachqualität, sondern eine Frage des Verständnisses. Und Verständnis entsteht erst durch Kontext.
Was Kontext in der realen Konstruktionsarbeit bedeutet
Kontext ist im Engineering kein abstraktes Konzept – er steckt in jeder Konstruktion, an der Sie arbeiten. Damit KI wirklich unterstützt, muss sie diese Elemente berücksichtigen:
- Das aktive Modell mit seinen Features und seiner Geometrie
- Baugruppenstrukturen mit Verknüpfungen, Abhängigkeiten und Hierarchie
- Zeichnungen mit Ansichten, Bemaßungen und Anmerkungen
- Metadaten wie Materialien, Eigenschaften und Stücklisteninformationen
- Der aktuelle Arbeitsschritt, an dem Sie gerade stehen
- Vorhandenes Konstruktionswissen aus früheren Projekten und Unternehmensstandards
Wenn KI diese Ebenen kennt, verändert sich ihre Rolle: Aus einem Textgenerator wird ein Assistent, der Ihre Arbeit gezielt unterstützt. Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug, das Antworten produziert, und einem Werkzeug, das Entscheidungen absichert.
Wo kontextbezogene KI Konstrukteure wirklich entlastet
SOLIDWORKS bringt KI auf zwei Wegen in Ihre Arbeit: über eingebettete KI-Funktionen und über virtuelle Begleiter. Beide erfüllen unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich dabei. Eingebettete Funktionen machen Sie schneller, indem beispielsweise die nächsten Schritte zur Auswahl angezeigt werden oder repetitive, klick- und zeitintensive Aufgaben automatisiert werden. Virtuelle Begleiter gehen einen Schritt weiter und auch das, ohne die aktive SOLIDWORKS Umgebung zu verlassen.
AURA beantwortet Fragen zu Ihrer aktiven Konstruktion im Unternehmenskontext, erschließt relevante Dokumentation und fasst technische Diskussionen zusammen.
Im Zentrum der Konstruktionsarbeit steht LEO. Er bezieht neben der Eingabe den verfügbaren Engineering-Kontext in SOLIDWORKS ein – aktive Modelle, Baugruppenstrukturen und relevante Konstruktionsinformationen –, um Aufgaben gezielt zu unterstützen. Damit greift LEO genau dort ein, wo Konstruktionsentscheidungen entstehen: in der Modellierung, der Validierung und der Dokumentation. LEO ist kein allgemeines KI-Tool, das lediglich auf einem Engineering-System läuft. Er ist ein kontextbewusster Begleiter, der die Beziehung zwischen Produkt, Prozess und Anforderung kennt und auf dieser Grundlage arbeitet.
Wo LEO in SOLIDWORKS Workflows konkret hilft
Der Mehrwert kontextbezogener KI zeigt sich besonders in Situationen, die Konstrukteure täglich erleben:
- Modellprobleme diagnostizieren: LEO erkennt Fehlerquellen, erklärt sie in klarer Sprache und schlägt Korrekturen vor. So schließen Sie Iterationen schneller ab und verbessern die Modellleistung.
- Baugruppenstrukturen generieren: LEO erstellt vollständige Strukturen mit organisierten Baugruppen, Unterbaugruppen und Komponenten. Bei umfangreichen Baugruppen spart das erheblich Zeit gegenüber der manuellen Anlage.
- Dokumentation unterstützen: LEO beschleunigt Dokumentationsprozesse und hilft, Konsistenz zwischen Konstruktionsabsicht und Fertigungsvorgabe sicherzustellen.
- Validierung früh absichern: LEO weist früh auf relevante Standards und mögliche Abweichungen hin. Wer Risiken vorab erkennt, vermeidet teure Probleme im späteren Prozess.
- Import- und Altdaten nutzbar machen: LEO wandelt importierte oder ältere Daten in parametrische Modelle um und erhält dabei die Konstruktionsabsicht. Kein erneutes Modellieren, keine unnötige Nacharbeit.
In jedem dieser Fälle liegt der Wert nicht darin, dass eine Maschine entscheidet – sondern darin, dass sie Ihnen die richtige Grundlage für Ihre Entscheidung liefert.
Kleine Hebel im Hintergrund: eingebettete KI-Funktionen
Neben den virtuellen Begleitern arbeiten eingebettete KI-Funktionen direkt in Ihrem SOLIDWORKS Workflow. Sie fallen selten auf, wirken aber jeden Tag:
- Befehlsprognose: schlägt die wahrscheinlichsten nächsten Schritte auf Basis Ihrer Modellierungsmuster vor
- Generative Zeichnungen: erzeugt automatisch strukturierte Zeichnungslayouts, Ansichten und Bemaßungen
- Fehleranalyse: liefert Ursachenanalyse und Feedback in natürlicher Sprache
- Automatische Erkennung von Verbindungselementen: erkennt und optimiert Verbindungselemente für eine einfachere Montage
Für Konstrukteure, die täglich hunderte Klicks machen, summieren sich diese Sekunden zu messbaren Stunden – das ist der stille, aber reale Beitrag von KI, die für die Konstruktion entwickelt wurde.
KI unterstützt Urteilsvermögen, sie ersetzt es nicht
Die wichtigste Frage in der KI-Debatte wird oft falsch gestellt. Es geht nicht darum, ob KI den Ingenieur ersetzt. Es geht darum, wie KI das Urteilsvermögen des Ingenieurs stärkt.
Kontextbezogene KI reduziert Routineaufgaben, macht Wissen zugänglich und hilft, Probleme früher zu erkennen. Die Bewertung, die Freigabe und die Verantwortung bleiben beim Menschen. Das ist keine Einschränkung, sondern ein Qualitätsmerkmal – denn im Engineering entscheidet nicht die Geschwindigkeit einer Antwort, sondern ihre Richtigkeit im realen Kontext und ihre Überprüfbarkeit.

Roadmap: Was verfügbar ist und was noch kommt
Die SOLIDWORKS KI-Roadmap zeigt eine klare Entwicklungslinie: von ersten Beta-Fähigkeiten in 2026 bis zu einem deutlich erweiterten Funktionsumfang mit dem General Availability Release 2027. Die Bereitstellung folgt einem gestaffelten Beta-Modell über mehrere unterjährliche Funktionslieferungen.
Den Auftakt bildeten ab FDO1 die Erstellung einer Baugruppenstruktur, die Fehleranalyse und die Zeichnungserstellung aus einer Eingabeaufforderung sowie Baugruppenleistung, die Konvertierung von BREP-Geometrie in parametrische Geometrie und erste Governance-Automatisierungen wie die automatische Aufgabenerstellung und die Erstellung von PLM-Änderungsmaßnahmen ab FD02. Mit FD03 folgen Einblicke in das Modell und mit FD04 die Möglichkeit, Konstruktionsoptionen zu erkunden – ein erster Schritt in Richtung KI-gestützter Konstruktionsanalternativen.
Für den GA-Release sind weitere, weitreichende Fähigkeiten geplant: Image To Mesh, Spec to CAD, Drawing To Parametric Model, die Auswirkungsanalyse von Änderungen im Simulationsbereich und die Integration mit DELMIAWorks für die Fertigung. Mit dem Meilenstein LEO und AURA im Zusammenspiel wird darüber hinaus ein kollaboratives Zusammenspiel der beiden Begleiter möglich.
Die Roadmap steht unter dem Vorbehalt möglicher Änderungen. Sie zeigt jedoch den klaren Kurs: SOLIDWORKS KI wächst schrittweise von fokussierten Konstruktionsfähigkeiten zu einer umfassenden, fachgebietsübergreifenden KI-Unterstützung – mit Kontext als tragendem Prinzip.
Vertrauen, Governance und der Schutz Ihrer Konstruktionsdaten
Im Engineering ist Datensouveränität kein Nebenthema. Konstruktionsdaten und geistiges Eigentum gehören zum Wertvollsten, was ein Unternehmen besitzt. Kontextbezogene KI ist nur dann tragfähig, wenn dieser Schutz von Anfang an mitgedacht ist.
Die KI-Modelle in SOLIDWORKS werden ausschließlich mit proprietären und synthetischen Daten trainiert – nicht mit Kundendaten. Ihre Konstruktionen bleiben Ihre Konstruktionen. Klare Governance-Kontrollen und eine sichere Cloud-Infrastruktur sorgen dafür, dass sensible Daten geschützt bleiben, während KI innerhalb definierter Grenzen unterstützt. Vertrauen entsteht hier nicht durch Versprechen, sondern durch nachvollziehbare Regeln und transparente Architektur.

Je mehr relevanten Kontext die KI versteht, desto gezielter kann sie Konstrukteure unterstützten.
Der nächste Schritt für Konstruktionsteams
Die Frage ist nicht mehr, ob KI im Engineering eine Rolle spielt. Die Frage ist, welche KI tatsächlich zum Konstruktionsalltag passt – und ob sie den Kontext versteht, in dem Ihre Entscheidungen entstehen.
Teams, die jetzt gezielt prüfen, welche KI-Funktionen in ihrer SOLIDWORKS Umgebung bereits verfügbar sind und wo im täglichen Workflow noch Zeit verloren geht, verschaffen sich einen konkreten Produktivitätsvorteil. Nicht als Zukunftsvision, sondern als messbarer Beitrag zum nächsten Projektzyklus. Kontextbezogene KI ist kein Add-on für Fortgeschrittene – sie ist der nächste logische Schritt für jedes Engineering-Team, das Entwicklungszeit, Konsistenz und Entscheidungssicherheit ernst nimmt.
Häufige Fragen zu LEO und KI in SOLIDWORKS
- Was ist LEO und wie unterscheidet er sich von AURA?
LEO und AURA sind KI-Begleiter mit unterschiedlichen Schwerpunkten. AURA konzentriert sich auf Wissen und Kontext und hilft, Informationen zu finden und einzuordnen. LEO unterstützt direkt in Design-, Validierungs- und Konstruktions-Workflows und ist damit der zentrale KI-Begleiter für die Produktentwicklung in SOLIDWORKS. - Ersetzt LEO Ingenieure?
Nein. LEO reduziert manuellen Aufwand, beschleunigt den Zugang zu relevantem Wissen und hilft, Fehler früher zu erkennen. Entscheidungen und Verantwortung bleiben beim Menschen. - Profitieren auch kleinere Teams von LEO?
Ja. Gerade in kleineren Teams ist Wissen oft auf wenige Personen konzentriert. LEO macht dieses Wissen zugänglicher und konsistenter nutzbar – unabhängig von der Teamgröße. - Wie sicher sind meine Konstruktionsdaten?
Datensouveränität, Zugriffskontrolle und Governance sind fester Bestandteil der Plattformarchitektur. Die KI-Modelle werden nicht mit Ihren Daten trainiert, und sensible Konstruktionsdaten bleiben geschützt. - Ist KI in SOLIDWORKS schon heute verfügbar?
Ja. KI in SOLIDWORKS umfasst eingebettete KI-Funktionen und virtuelle Begleiter, die bereits heute verfügbar sind. Die Fähigkeiten von LEO werden dabei schrittweise weiter ausgebaut.



